Ökumene
Osterspiele
Im
Allerheiligsten deutscher Literatur, in Goethes "Faust", hat Ostern
einen Stellenwert. In der Tragödie erste(m) Teil (1808) spricht der lebensmüde
Protagonist:
"Der letzte Trunk sei nun, mit ganzer Seele,
Als festlich
hoher Gruß, dem Morgen zugebracht!“
(Er
setzt die Schale an den Mund. Glockenklang und Chorgesang.)
Chor der Engel: „Christ
ist erstanden!..."
Das hält Faust davon ab, das Gift zu trinken:
"Verkündiget ihr dumpfen Glocken schon
Des Osterfestes erste
Feierstunde?
Ihr Chöre, singt ihr schon den tröstlichen Gesang,
Der einst,
um Grabes Nacht, von Engelslippen klang,
Gewissheit einem neuen Bunde?"
Freilich
kann das sein Dilemma nicht beseitigen:
"Die Botschaft hör ich wohl,
allein mir fehlt der Glaube; . ..
nd doch, an diesen Klang von Jugend auf
gewöhnt,
Ruft er auch jetzt zurück mich in das Leben...
Da klang so
ahnungsvoIl des Glockentones Fülle,
Und ein Gebet war brünstiger Genuss; ...
Erinnerung hält mich nun, mit kindlichem Gefühle,
Vom
letzten, ernsten Schritt zurück.
o tönet fort, ihr süßen Himmelslieder!
Die
Träne quillt, die Erde hat mich wieder!"
Osterklänge erinnern Faust an
seine glückliche Kindheit und rufen ihn ins Leben zurück.
Auch in dem
Gedicht "Wir spielen Ostern" der jüdischen Dichterin Rose Ausländer
(1901-1988) ist von Ostergeläut die Rede, wie im "Faust" als
Kindheitserinnerung:
"Wir spielen Ostern mit den Kindgewordnen."
Ist es nur ein "Als ob"?
"Wir Osterspieler mit erblühten Lauten
Veilchenflöten Sonnenorgeln
Wir österlich Vertrauten
Spielen Thoratanz und Offenbarung
mit
Hyazinthen und erweckten Blättern
spielen Osterduft und Wiederfreude
Wiederfinden
alles Auferstandnen
Wiederwissen, dass wir Kinder sind."
Kann die kindliche Regression das Problem lösen? Wohl kaum, allenfalls kann sie es eine Zeit lang verdrängen. Was aber kommt dann? Was verbindet die 200 Jahre alte literarische Gestalt des frustrierten Gelehrten, der "leider auch Theologie" studiert hat, mit der liberal aufgewachsenen jüdischen Dichterin des 20. Jahrhunderts? Ist es nur die nostalgische Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit, als alles noch gut auszugehen schien? Bei Rose Ausländer ist es mehr: Das Wissen um die Unzulänglichkeit des Planens und Machens. Stattdessen spricht sie von Wiederfreude, Wiederfinden und Wiederwissen - ein Spiel und doch Realität.
Judentum und Christentum spielen Jahr für Jahr ihr heiliges Spiel von Pessach und Ostern, das Spiel von Befreiung und neuem Leben, wohl wissend, dass die Realität meist eine andere Sprache spricht. Dieses Spiel ist kein "Als ob", sondern ein "Trotzdem". Romano Guardini schrieb 1918: "Liturgie üben heißt, ... das Wort des Herrn erfüllen und ,zu werden wie die Kinder'; einmal verzichten auf das Erwachsensein, das überall zweckhaft handeln wiIl, und sich entschließen, zu spielen, so wie es David tat, als er vor der Arche tanzte." Das ist kein Larifari, keine Vortäuschung falscher Tatsachen, sondern Ausdruck eines tiefen Vertrauens auf den anwesenden Gott in jeder Lage. Wer sich auf dieses Spiel einlässt, braucht kein böses Erwachen zu fürchten, da Gott selbst mit im Spiel ist.
In: Christ
in der Gegenwart, 63. Jg., Freiburg i.Br., 1.Mai 2011
Der Verfasser, Albert Gerhards, Dr. theol. Professor für Liturgiewissenschaft,
Universität Bonn ist langjähriges Mitglied des Ökumenischen Arbeitskreises
evangelischer und katholischer Theologen (OeAK)
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